Klasse 9a und der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II.

Ein außergewöhnliches Projekt im Leipziger Schulmuseum

„Mit Gott hinein, mit Gott heraus – das ist der beste Lebenslauf!“ – diesen Satz ließ der Herr Lehrer seine Schüler immer wieder im Chor intonieren. Außerdem wurde vor Stundenbeginn die Sauberkeit von Händen und Fingernägeln kontrolliert (sowie nach Beanstandungen ohne Widerrede verbessert). Stundeninhalt war dann Kaiser Wilhelm II. und sein Geburtstag. Für diesen Anlass wurde sogar ein festliches Ständchen nach der Melodie von „Üb immer Treu und Redlichkeit“ geprobt.

Hier folgt eine Erklärung für alle, die jetzt etwas verwundert auf Bilder und Text schauen:

Hintergrund des Ganzen war ein Projekt der jetzigen Klasse 9a im Deutschunterricht über den Expressionismus, welches bereits im vergangenen Schuljahr begonnen hatte. Im Frühjahr wurden mit Hilfe des Heimat- und Museumsvereins sowie engagierter Eltern und Großeltern allerlei Requisiten aus dieser Epoche zusammengetragen. Ein fächerverbindender Projekttag (Deutsch und Kunst) im Freizi stellte dann einen ersten Höhepunkt dar, denn die Schüler begaben sich auf eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit, indem sie in die vorhandenen Kostüme schlüpften und sich selbst sowie ihre Klassenkameraden plötzlich ganz anders wahrnahmen. Wie „aus der Zeit gefallen“ posierten sie für viele Fotos und erlebten buchstäblich am eigenen Leib einmal, dass „Kleider machen Leute“ keineswegs nur eine hohle Phrase ist. Wahnsinn, wie man sich doch verändern kann und auch gleich ganz anders wahrgenommen wird! So gelang der Zugang zum Lehrplaninhalt „Expressionismus“ hervorragend.

Um das Ganze noch nacherlebbarer zu machen sowie um einen Abschlusshöhepunkt für das Projekt zu finden, fuhr die 9a dann kürzlich nach Leipzig, um im dortigen Schulmuseum eine Schulstunde aus der Kaiserzeit zu erleben. Als Protagonisten fungierten die Jugendlichen natürlich höchstpersönlich. Nach einer Einführung über die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihre Besonderheiten gab es Anweisungen für den praktischen Teil der Veranstaltung, z.B. wie sich ordentlich gemeldet wird. Wer drankommt, hat natürlich aus der Bank herauszutreten und stets im Satz zu antworten. Die Antworten haben immer „Herr Lehrer…“ zu enthalten, gesprochen wird nur nach Aufforderung, Schiefertafel und Griffel sind in drei Schritten auf Kommando (aus dem Fach unter der Bank entnehmen, über dem Kopf vorzeigen, lautlos auf die Bank legen) zu handhaben – das und vieles mehr wurde vorher geklärt.

Es folgte eine große Einkleide-Aktion. Für die Jungen lagen Matrosenanzüge, für die Mädchen Schürzen und Schleifchen bereit. Noch war das Ganze für alle sehr witzig, aber spätestens als der Projektleiter dann in seinem strengen Outfit von Anno dazumal, natürlich mit Rohrstock ausgerüstet, das düstere Klassenzimmer betrat und die ersten Sanktionen verhängte (z.B. vor der Klasse Hände waschen, für nicht richtig beantwortete Fragen in der Ecke stehen), wich der Spaß einer gewissen Beklemmung. Hinterher – denn natürlich folgte der Unterrichtsstunde eine Auswertung – bei der alle wieder im Hier und Jetzt ankommen konnten, schätzten alle Projektteilnehmer ein, dass man sich ganz schön eingeschüchtert gefühlt hatte. (So wird z.B. keiner mehr vergessen, wann der Kaiser Wilhelm II. Geburtstag hatte, denn das war das Stundenthema und wehe dem, der nicht richtig antworten konnte! Der Rohrstock kam selbstverständlich nicht zum Einsatz, aber man konnte ja vorher nicht ahnen, was der gestrenge Herr Lehrer vielleicht noch so vorhat! Und die Präsenz des Rohrstocks konnte man sowieso die ganze Zeit über nicht vergessen! Außerdem wurden einige Buchstaben der altdeutschen Schrift gelernt – natürlich wurde auch dies geübt, bis es jeder richtig konnte.)

Man wusste plötzlich ganz genau, was man an heutigen Freiheiten sowie dem so anderen Ton und Ablauf des Schulbetriebes doch so hat. Unvergesslich wird den Schülern bleiben, was sie an diesem Tag auf ihrer Zeitreise in die Vergangenheit erlebten, denn es entstanden ohnehin zahlreiche Fotos. In den Köpfen ist mit Sicherheit auch viel über den Unterschied zwischen heute und damals angekommen.

Nach den begeisterten Berichten der Schüler sowie der beteiligten Lehrerinnen werden sich im Jahr 2019 noch weitere Klassen der Trützschler-Oberschule auf den Weg nach Leipzig machen, denn das Schulmuseum bietet vielfältige Projekte zum Mitmachen an. 2017 war die damalige Klasse 10b ebenfalls dort und erlebte eine DDR-Heimatkundestunde, woran sich die Jugendlichen im Nachhinein noch lange erinnerten, denn auch hier konnte man den Unterschied zum heutigen Schulalltag hautnah erleben (z.B. die Ausgrenzung eines Nicht-Pioniers sowie die ideologische Beeinflussung durch scheinbar unpolitische Lehrbuchtexte). mawohl